Alkohol mit zwölf – und was kommt dann?

Die Treppe in die Dunkelheit – Eine Suchtgeschichte von Steffen Flügler

Ein Zwölfjähriger fängt an Alkohol zu trinken und schafft erst 17 Jahre später den Ausstieg aus seiner langen Suchtgeschichte. Mir, selbst Mutter eines zwölfjährigen Sohnes, rutscht das Herz in die Hose, als ich die Kurzbeschreibung dieses Buches sehe.

Wie kommt es soweit?

Diese Frage bewog mich dazu, das Buch von Steffen Flügler zu lesen. Er erzählt darin seine Lebens- und Suchtgeschichte.

Von den Anfängen, als er sich Mut antrinkt, um dem hübschen Mädchen näher zu kommen. Dem Bier gesellt sich schnell Hochprozentiges hinzu, die ersten Joints und die erste Anzeige wegen Ladendiebstahl. Immer wieder gibt es auch kurze Phasen, in denen die Hoffnung aufkeimt, dass er doch noch die Kurve kriegt, doch jedes Mal geht es anschließend noch ein Stück tiefer.

Immer neue Drogen werden ausprobiert, bis hin zu Heroin, das aber immer nur phasenweise ein Rolle spielt und dann wieder wegen Beschaffungsproblemen in den Hintergrund tritt. Der billigere und einfacher verfügbare Alkohol in Kombination mit Tabletten zieht sich jedoch durch die ganze Zeit hindurch.

Beim Lesen kam ich  immer wieder an Stellen, an denen ich mir dachte ’noch soviel Buch übrig – kann es denn wirklich noch tiefer gehen?‘

Es kann!

Schonungslos offen und krass schildert Steffen Flügler seinen körperlichen Verfall und Szenen, in denen er durch Entzugserscheinungen richtig massiv leidet. In einem kalten Entzug schafft er es schließlich, seinen Körper zu entgiften.

Diese autobiografische Ebene ist brutal und drastisch geschildert und wirkt dadurch deutlich abschreckender als beispielsweise „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“.

Allerdings erklärt das allein nicht meine Faszination.

Auf einer zweiten Erzählebene greift Flügler immer wieder das Bild der Treppe in die Dunkelheit auf und schafft es hier mit wenigen und einfachen Worten aufzuzeigen, was die Sucht mit dem Süchtigen macht. Er personifiziert die Sucht und gibt ihr Worte, die das Unbegreifliche fassbar machen.

Was sind die Gründe dafür, dass jemand immer wieder zu Alkohol und Drogen greift, was verspricht er sich davon?

Oder genauer – was verspricht ihm die Sucht?

Was fehlt dem Süchtigen?

Dabei wird auch ein weiterer Aspekt deutlich – Sucht ist nicht unbedingt an Substanzen gebunden, sie kann auch auf abstraktere Mittel ausweichen, solange die eigentlichen Ursachen, die die Anfälligkeit ausgelöst haben, nicht beseitigt sind.

Mein Fazit: Dieses Buch möchte ich wirklich jedem ans Herz legen, Eltern, Jugendlichen, Lehrern und auf jeden Fall allen, die in irgendeiner Form mit Kindern zu tun haben.

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Was mein Bücherstapel, Falco und Sucht miteinander zu tun haben?

Ja, ich geb’s zu, den Zusammenhang zu finden, ist wirklich schwer. Wenn ich mir anschaue, wieviele Bücher ich so über die Feiertage gelesen habe, dann könnte der Eindruck entstehen, dass ich lesesüchtig bin… das soll aber hier nicht weiter zum Thema werden. In diesem Stapel befinden sich zwei Bücher, die ohne tiefere Absicht dort hineingeraten sind, aber gerade im Zusammenspiel eine verblüffende Wirkung entfaltet haben.

Das erste Buch ist die Falco-Biografie Falco: Die Wahrheit – Wie es wirklich war – sein Manager erzählt von Horst Bork.
Bork erzählt die tragische Lebensgeschichte des Hans Hölzel, der als Falco berühmt und erfolgreich wurde und aufgrund seiner Persönlichkeit und unter dem Einfluß diverser Drogen und Alkohols mehr als einen Absturz erlebte.
Es ist auch dann interessant zu lesen, wenn man von Falcos Musik nicht unbedingt ein großer Fan ist, viele Hintergründe über das Musik Business und den allgemeinen Zeitgeist der achtziger Jahre sind darin zu finden.
Und gerade dadurch, dass das ganze aus der Sicht seines Managers erzählt wird, zeigt sich sehr deutlich, wie sehr sich Sucht auch auf die umstehenden Personen auswirkt.

So richtig hat mich das Thema dann aber erst im zweiten Buch meines Bücherstapels gefangen. Steffen Flügler erzählt in der Treppe in die Dunkelheit: Eine Suchtgeschichte seine Lebens- und Suchtgeschichte.
Wer dabei an Wir Kinder vom Bahnhof Zoodenkt, dem sei schon jetzt verraten, dass dieses Buch viel tiefgehender ist. Es zeigt nicht nur,wie Sucht entsteht, sondern auch, dass Sucht keineswegs nur harte und weiche Drogen umfasst, sondern sich auch ganz anders äußern kann.

Kinderwerkstatt Malen – ein tolles Buch

Ein wunderschön gemachtes Buch aus der Praxis.

Christina Studer erzählt in vielen anschaulichen Episoden aus ihrem reichen Erfahrungsschatz im begleiteten Malen mit Kindern. So ganz nebenbei wird damit auch ein Verständnis dafür geweckt, was diese Art zu malen für die teilnehmenden Kinder bedeutet.

Die unterschiedlichsten Aspekte kommen da ans Tageslicht. Manche Bilder müssen gemalt werden, um zur Stille zu finden. Andere zeigen einen inneren Plan auf.

Bilder können als Medizin wirken, ein asthmakranker Junge findet über einen Asthmakiller hin zu seinem wirklichen Sinnbild, einem Wal. Auf zwölf aneinander gefügten Blättern entsteht ein großer Wal, der eine kräftige Fontäne aussprudelt und so seinem kleinen Maler den Weg zeigt, mit dem Asthma besser umzugehen.

Andere Kinder arbeiten ihre Situation in der Familie auf, sei es nun ein Geschwisterkind und damit verbundene Gefühle von Eifersucht und Neid oder auch eine Trennung der Eltern und die damit verbundenen Schwierigkeiten. Trauer findet ihren Raum, aber auch Freude.

Die großen und kleinen Erlebnisse eines Kinderlebens finden ihren Weg auf Papier.

Christina Studer versteht es sehr gut, ihre Erklärungen mit den Praxisbeispielen zu kombinieren und so einen anschaulichen und gut lesbaren, fundierten Einblick in die Arbeit mit Kindern im Malraum zu geben.

Unkreative Pubertät? Jugendliche malen anders

Wie Jugendliche malen
Wie Jugendliche malen

Irgendwann in der Pubertät machen sich die Veränderungen auch auf den Bildern bemerkbar. Jugendliche malen dann sehr symbolhaft, ob nun Herzen oder Peacezeichen. Schwarz wird gern verwendet, das Ganze erinnert mehr oder weniger stark an Popart.

Eigentlich verwundert mich das nicht. Eine Zeit, in der ich selbst nicht weiß, wer oder was ich nun wirklich bin oder werden will, verleitet dazu, sich an scheinbar Unverfänglichem festzuhalten. Ich muss nichts genauer definieren, kann das auch gar nicht, weil ich doch selbst ratlos bin. Das entspricht so in etwa dem Lebensgefühl dieser Altersklasse.

Helen Bachmann widmet in ihrem Buch „Die Spur zum Horizont“ den Jugendlichen recht viel Raum. Sie beschreibt die Jugendzeit als eine Suche nach dem Horizont, bei der das Ziel (der Horizont) immer sichtbar ist und doch bei jeden Schritt, den wir darauf zu machen, weiter in die Ferne rückt. Auffallend oft wird auch in den Bildern der Horizont ein Thema der Darstellung.  Man denke nur an Sonnenuntergänge, ob nun über einer Landschaft oder dem Meer. Auch Bilder, auf denen Wege bis an den Horizont führen, gibt es oft.

Wie oder was malen Jugendliche?

Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe weiterer Motive, die ganz typisch in der Jugendzeit auftreten, wie zum Beispiel Pferde (speziell bei Mädchen) und Inseln.

Das mag den Eindruck erwecken, die Jugendlichen sind unkreativ. Soll man sie nun nicht mehr frei malen lassen? Ihnen Vorgaben geben, weil sie ja ohnehin keine eigenen kreativen Leistungen erbringen?

Mit Schaudern denke ich an meinen Kunstunterricht in der Mittelstufe zurück, bei einer Lehrerin, die das genau so sah und uns sehr strikte Themenvorgaben machte. Als Heranwachsende habe ich es gehasst und aus heutiger Sicht kann ich es nicht befürworten.

Auch die Jugendlichen brauchen Möglichkeiten sich auszudrücken, ein Stückchen Individualität in ihren Bildern zu entwickeln. Eine Chance, sich zu suchen und zu finden.

Ganz ausführliche Informationen dazu gibt es in Helen Bachmanns Buch, ich kann es nur empfehlen, wenn man tiefer in dieses Thema einsteigen will.

Wahrnehmungsübung Rosenbusch

In dem Buch „Die Kunst der Wahrnehmung“ von John O. Stevens gibt es eine sehr schöne Wahrnehmungsübung, eigentlich sogar eher eine Phantasiereise, die ich hier ganz frei und sehr stark verkürzt nacherzähle.

Dafür legt man sich bequem auf dem Boden oder auf eine feste Unterlage und spürt mit dem Körper den Bodenkontakt. Zunächst steht die Körperwahrnehmung im Vordergrund um Verspannungen aufzuspüren und zu lösen. Nach dieser Phase des Ruhe und Kontakt findens, beginnt das „Rosenbusch sein“.

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Rosenbusch

Wenn du ein Rosenbusch bist, dann steht dieser Rosenbusch…

Wie ist dein Wuchs und wie sind deine Blüten?…

Deine Wurzeln sind in der Erde verankert, spüre den Wurzeln nach, wie fühlt es sich an?…

Wie geht es Dir, dem Rosenbusch, im Wechsel der Jahreszeiten?….

In Stevens‘ Buch sind Niederschriften von Gesprächen während dieser Übung zwischen dem Leiter und Teilnehmern enthalten, es ist ganz erstaunlich, wie unterschiedlich diese Rosenbüsche doch alle sind.

Die Malentwicklung der Kinder – Urformen überall gleich

Kritzelknäuel

Überall auf der Welt läuft die Malentwicklung der Kinder in einer gleichen Reihenfolge ab. Ganz egal ob Inuit oder Tuareg, gibt man Kindern ein Möglichkeit zu malen, werden sie überall auf der Welt bei den gleichen Urformen landen.

Arno Stern bereiste Mitte der 60ger, Anfang der 70ger Jahre Länder, die damals noch weitgehend unbeeinflußt von der Zivilisation waren (Guatemala und Papua-Neuguinea, Afghanistan und Peru, Äthiopien und Niger). Er lies Kinder malen, die noch nie zuvor Farbe und Papier hatten. Und er stellte fest, dass diese Kinder die gleichen Grundstrukturen malten, wie die Kinder in Paris. Wer mehr über Arno Sterns Hintergrund und seine Forschungsreisen erfahren möchte, findet in diesem Spiegel-Artikel Informationen dazu.

Das was in dem Artikel als Erstfiguren bezeichnet wird, wird von Helen Bachmann und Bettina Egger als „Urformen“ weiteruntersucht. Helen Bachmann wagt es, die Verbindung herzustellen, zwischen den Urformen und der kindlichen Individuation. Sie entdeckt dabei Parallelen zwischen den ungelenkten Bewegungen des Neugeborenen und den Kritzelknäueln, der ersten Urform, die aufs Papier gebracht wird. In ihrem Buch „Malen als Lebensspur“ beschreibt sie diese Urformen und die Entsprechungen in der Entwicklung ausführlichst.

Einen kurzgefassten Überblick darüber welche Urformen es gibt werde ich hier in den nächsten Tagen veröffentlichen.

Es ist wichtig, den Weg zu gehen, bevor man am Ziel ankommt.

Es ist wichtig, den Weg zu gehen, bevor man am Ziel ankommt.

(Helen Bachmann in „Die Spur zum Horizont*“)

Der Weg
Es ist wichtig den Weg zu gehen

Was bedeutet das für die Arbeit am Bild?

Betrachten wir den Malvorgang als den Weg, das Bild als das Ziel. Im künstlerischen Malen habe ich ein fertiges Bild im Kopf, noch bevor ich zum Pinsel greife. Manchmal entwickelt es sich auch hier beim Malen weiter und in andere Richtungen, aber im Allgemeinen steht das Ziel fest.

Bilder, die im begleiteten Malen entstehen, entwickeln eine Eigendynamik. Sie dürfen, ja sollen sich erst beim Malprozess entwickeln. Deshalb wird das Bild auch nicht konstruiert oder vorgemalt, es soll rausdürfen, was aufs Papier will. Wenn die Malende gut im Kontakt mit ihrem Bild ist, kommen Themen an die Oberfläche, die ganz dicht unter der Bewusstseinsgrenze liegen.

In diesem Weg, im Malprozess, liegt die eigentliche Arbeit an der Persönlichkeit. Beim Malen kannst Du Dich selbst wahrnehmen und erfahren. Ist das für mich so stimmig? Oftmals werden dabei Bilder, die eigentlich ‚richtig‘ sind, als unstimmig empfunden und umgekehrt. Die Malbegleiterin macht auf solche Unstimmigkeiten aufmerksam und hinterfragt sie. Sie erkennt Vermeidungsverhalten und typische Verhaltensmuster. Am Bild kann jederzeit verändert  und nachgespürt werden, wie sich diese Veränderung anfühlt.

Dabei ist es unglaublich, wie schwer es fallen kann, eine Veränderung zu malen, die eigentlich ganz logisch und schlüssig ist. Und wenn sie dann gemalt ist, fühlt sich das sehr gut und stimmig an. Aber allein, wäre die Malende nie auf die Idee gekommen, das so zu malen.

Die Heilkraft des Malens

Werner Kraus gibt in seinem gleichnamigen Buch einen hervorragenden Überblick über Kunsttherapie. Ich schreibe bewusst nicht ‚die‘ Kunsttherapie, denn es gibt ganz verschiedene Ansätze und Richtungen. Die wichtigsten werden von Kraus kurz erläutert und ihre unterschiedlichen Ansätze aufgezeigt.

Ich selbst habe dieses Buch kennengelernt, als ich begann, mich über die Ausbildung zur Kunsttherapeutin zu informieren und vor einem Riesenwust an Informationen und Ausbildungsmöglichkeiten stand.

Im Mittelpunkt des Buches stehen aber ganz praktische Fallbeispiele, die in gut lesbarer Form davon erzählen, was mit Kunsttherapie alles möglich ist.  Für diese Fallbeispiele überlässt Kraus den Therapeuten selbst das Wort. Genauso abwechslungsreich und unterschiedlich wie die einzelnen Therapieformen sind auch die Beispiele.

Allen gemeinsam ist jedoch, dass sie zeigen, dass Kunsttherapie wirkt – auf oftmals ganz erstaunliche Weise. Empfehlenswert ist das Buch aber nicht nur für diejenigen, die selbst eine Ausbildung zur Therapeutin machen wollen, sondern noch viel mehr für diejenigen, die auf der Suche nach einer Kunsttherapie sind. Denn so unterschiedlich die Angebote auch sind, noch viel unterschiedlicher sind die Menschen, die sie nutzen. Die Informationen aus diesem Buch helfen dann dabei, das passendste Angebot zu finden.

Sonnige Traurigtage von Schirin Homeier

Depressionen! Ein sehr schwieriges und heikles Thema wird hier kindgerecht und behutsam und doch umfassend dargestellt. Sonnige Traurigtage erzählt von Mona und Mona-Mama und den sonnigen und traurigen Tagen. Die traurigen Tage, an denen Mona-Mama so depressiv ist, dass sie sich nicht mehr um Mona kümmern kann. Mona versucht, mit allerlei kindlichen Lösungsansätzen, ihre Mama wieder gesund zu machen. Mit der Unterstützung von Monas Lehrerin gelingt es, Mona-Mama davon zu überzeugen, dass sie ärztliche Hilfe braucht und diese auch in Anspruch nimmt.

Monas Ängste und Bemühungen werden ganz liebevoll dargestellt und die Personen, die ihr im Buch helfen, erklären die Hintergründe psychischer Krankheiten. Ganz stark wird auf den Aspekt eingegangen, dass sich die Kinder Betroffener, die Schuld an der Erkrankung ihrer Eltern geben. Mona erfährt zu ihrer Erleichterung, dass nicht sie Mamas Traurigkeit verursacht hat und sie ihr auch nicht beim Gesundwerden helfen kann.

Ergänzt wird die Geschichte um einige Seiten mit Erläuterungen für Erwachsene, die den Kindern psychisch kranker Eltern als Bezugspersonen zur Seite stehen.