Eine Mauer ist eine Mauer!

Bei meinem Kollegen Raimund von Schwangerschaftserlebnis-Blog fand ich einen Artikel, in dem er eine Erfahrung mit Malen beschreibt. Ich stelle mir jetzt vor, ein solches Bild zu begleiten und daran zu erläutern, was es genau bedeutet, ein Bild zu klären.

‚Die Zeichenstifte ließen eine Mauer auf dem Papier entstehen, und davor ein Baum. Es gab noch ein paar Luftballons und fertig.‘

Hier setzt die Klärung an – ist das Bild so wirklich fertig? Was für eine Mauer ist das? Gehört die zu einem Gebäude? Ist es eine Gartenmauer? Hast Du sowas schonmal in echt gesehen? Und was hat es mit den Luftballons auf sich? Wo kommen die her? Gibt es dazu eine Geschichte? Möchtest Du mir die erzählen?

Sehr wahrscheinlich nimmt dieses Bild ab hier schon einen ganz anderen Verlauf, aber ich nehme jetzt mal die ursprüngliche Aussage:

‚ Natürlich war mir sofort klar, dass diese Mauer ein Hindernis in meinem Leben darstellen sollte und dass ich unbedingt und sofort drüber weg musste.‘

Mauer
Eine Mauer ist eine Mauer!

Die Mauer wird als Symbol für ein Hindernis betrachtet. Wir sind es gewohnt Darstellungen symbolisch anzuschauen. Im begleiteten Malen ist eine Mauer eine Mauer. Alle Möglichkeiten sind offen. Begibt sich mein Malender auf diese symbolische Ebene, ist es meine Aufgabe, ihn an das Bild zurückzuholen, weg von der als allgemeingültig betrachteten Interpretation ‚Hindernis‘. Dabei handelt es sich um das, was die Gestalttherapie als ‚Introjektion‘ bezeichnet, das ungeprüfte Übernehmen von Normen und Vorstellungen. Am nächsten Morgen kommt Raimund zu genau dieser Erkenntnis:

‚Beide Gedanken waren für mich völlig überraschend. Und sehr interessant! Klar, das Bild zeigte einfach eine Mauer. Wieso hatte ich sofort die Idee, über sie hinweg zu kommen? Ist es nicht erstaunlich, wie leicht man einer Annahme folgt ohne zu überprüfen, ob sie überhaupt stimmt? Ich hatte angenommen, dass diese Mauer ein Hindernis symbolisierte – ja, und warum nicht. Aber warum sollte es ein Hindernis sein, das vor mir lag und nicht eines, das ich endlich hinter mir hatte?
Als ich am nächsten morgen aufwachte, hatte ich sofort und als allererstes zwei Gedanken, die glasklar vor mir standen:
1. Jede Mauer hat irgendwo ein Tor – warum also gehst du da nicht entlang bis du dieses Tor gefunden hast?
2. Wer sagt, dass du da rein willst? Vielleicht warst du endlich draußen?‘

Wäre dieses Malen begleitet gewesen, wäre genau das schon viel früher, in der Arbeit am Bild eingetreten. Welche Geschichte uns die Mauer dann wohl noch erzählt hätte?

3 Antworten auf „Eine Mauer ist eine Mauer!“

  1. Ja, da bin ich mir mittlerweile auch ganz sicher. Grade jetzt in diesen Tagen, in denen ich mich mit dieser alten Erfahrung beschäftige, sehe ich noch eine ganze Menge mehr. Gar keine Frage, das kann eine sehr große Hilfe sein, jemanden dabi zu haben, der einen auf die Weise, die du beschreibst, begleitet!

    LG, Raimund

  2. Das wichtigste ist wirklich nicht die Geschwindigkeit. Die Anregung von außen kann ganz stark helfen, die eigenen Themen aus einem anderen Sichtwinkel zu betrachten. Es können sich Aspekte erschliessen, die du allein nicht erkennst, ich hab es gerade heute wieder am eigenen Bild erfahren. 🙂
    lg Sabine

  3. Hey, das ist ja interessant!

    Sicherlich ist es nicht sooo wichtig, wie schnell eine Erkenntnis kommt. Wichtiger wahrscheinlich ist die Erkenntnis an und für sich.

    Aber erstaunlich ist für mich, wie intensiv eine Interaktion mit einem einfachen selbstgemalten Bild verlaufen kann – wenn man sich drauf einlässt. Und gerade hier würde ich sofort unterschreiben, wie hilfreich begleitetes Malen sein kann – vor allem dann, wenn der Begleiter einem keine Interpretationen aufzwingt oder, schlimmer, mit herrlichen Deutungen zu gefallen sucht.

    Bei Gelegenheit, Sabine, muss ich das mal bei dir ausprobieren! Danke für den Kommentar! 🙂

    LG, Raimund

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