Darf man Bücher einfach wegwerfen?

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buecher wegwerfen

Darf man das?

Warum sollte man Bücher nicht wegwerfen dürfen?

Eigentlich liegt es doch auf der Hand – was ich nicht mehr brauche, womit ich nichts mehr anfangen kann, das kann ich weggeben oder wegwerfen. Kleider, die zu klein, altmodisch oder kaputt sind, kommen in den Altkleidersack. Kosmetik, die ich nicht mag, kommt in den Mülleimer.

Aus irgendwelchen Gründen scheint das aber nicht für Bücher oder CDs und Schallplatten zu gelten. Warum genau das von vielen Menschen so gesehen wird, lässt sich wahrscheinlich gar nicht so einfach nachvollziehen, bestimmt hat jeder seine individuellen Gründe dafür. Welche das sind? Klarer Fall für das innere Team, bitte alle antreten!!

Mitten in seinem Gerümpelhaufen thront der Allesbraucher. Der Allesbraucher angelt eines der 15 Megaphone aus seiner Halde und schreit mit aller Kraft hinein: „Bloß nicht wegschmeißen, das kann man alles nochmal brauchen!!“ Der Allesbraucher kann auch tatsächlich alles irgendwie brauchen und sei es nur, um seinen Allesbraucherthron damit zu unterbauen, damit er auch ja alles überragt. Dieser Duden von 1978 beispielsweise, der passt haargenau unter das linke hintere Thronbein, wenn dann noch das Englischbuch von 1979 vorne rechts und „Krieg und Frieden“ vorne links unterlegt wird. Denn dann kann man auch noch die gesammelten Eltern-Zeitschriften vor dem Thron aufstapeln, als Aufstiegshilfe sozusagen. Womit die dann auch gleich ihre Daseinsberechtigung hätten, denn eigentlich sind die Kinder längst erwachsen und kommen selbst bald ins Elternalter. „Siehste!!“ trötet es aus dem Megaphon, „dann brauchen die die Hefte!“. „So nötig wie du damals Omas Erziehungshandbuch von 1954?“ Kleinlaut verschwindet der Allesbraucher in seiner Halde, denn das besagte Erziehungsbuch hatte er nur genutzt, um damit den Wickeltisch zu unterbauen.

Seine kurze Pause nutzt der Schöngeist für seinen Auftritt. Er flüstert von literarischer Qualität und hohen Gedanken und zerrt an „Krieg und Frieden“. Macht sich doch bestimmt gut im Regal, denn das Papier ist schon so vergilbt, dass er sich kaum noch traut, das Buch nur aufzuschlagen, geschweige denn zu lesen. Wenn er denn also das Bedürfnis verspüren würde, dieses literarische Meisterwerk zu lesen, dann würde er es sicherlich in einer neueren Auflage irgendwo erstehen. Für kleines Geld natürlich, denn auf den Gebrauchtbörsen findet sich da ein reichliches und günstiges Angebot… „Banausen, alles Banausen“ brabbelt der Schöngeist vor sich hin. Der Allesbraucher hat derweil die Lücke unter seinem Thron mit „Anna Karenina“ gestopft, doch noch bevor der Schöngeist das merkt, steht da schon Fräulein Familientradition.

„Das war ein Geschenk von Tante Anna! Gott hab sie selig!! Geschenke muss man in Ehren halten!!!“. Noch bevor du dich erinnert hast, ob Tante Anna nun die dünne gouvernantenhafte Großtante deines Vaters oder die verkniffene Schwester deiner Großmutter war, beide schon in deiner frühen Kindheit verstorben und nur noch sehr schemenhaft in Erinnerung, poltert Frau Tutmannicht auf die Bühne. Sie stampft mit dem Fuß auf: „Das tut man nicht, das tut man nicht, das tut man nicht! Was sollen denn die Leute denken?“

Resigniert willst du schon den Deckel der Mülltonne schließen, da schlurft auch noch Herr WennichmalZeithab herein. „Wenn ich mal Zeit hab, dann les ich das ganz bestimmt. Wollt ich schon immer mal machen, komm nur grad nich dazu…“ – und weg isser.

Ganz dahinten baut sich gerade der Mystifizierer auf und murmelt beschwörende Weisheiten über die „Heiligkeit der gedruckten Werke, die deine ganze Biografie in sich tragen“ hin. „Halt die Klappe!!!“ möchte ich ihm nur noch erwidern. Schätze waren Bücher zu der Zeit, da sie noch handgeschrieben oder mit Einzellettern gedruckt wurden. Mittlerweile ist der größte Teil schlicht und ergreifend Massenware, zumindest was die Produktion angeht. Inhaltlich ist das unterschiedlich, aber noch lange nicht jedes gedruckte Werk ist heilig. Und meine Biografie? Für die brauche ich kein Bücherregal, die trage ich in mir!

Und DU? Wo bleibst du in diesem Schauspiel?

Gibt es da auch ein kleines, vielleicht noch zaghaftes Stimmchen, das sich traut „Aber es ist mein Leben, mein Buchregal!“ einzuwenden? Ein Nachdenkliches, das einwendet „Diese Klassiker lese ich ja doch nicht, ich will mich beim Lesen einfach nur entspannen“. Und ein ganz Aufmüpfiges, das verkündet „Krimis nochmal lesen ist doof, weil mir kurz vor Schluss dann doch wieder einfällt, wer der Mörder war“. Ein ganz Rebellisches, das die Faust hochreckt und schreit „Ich muss nicht den Plunder anderer Leute aufheben!“

Wer steht auf deiner inneren Bühne im Rampenlicht, wenn du mit Mülltüte (oder dem Gedanken daran) ans Bücherregal trittst?

 

Autor: Sabine Feickert

Kreativer Kummerkasten.

2 Kommentare

  1. Liebe Frau Stockhowe,

    es freut mich, wenn ich Ihnen den letzten kleinen Schubs für ein solches Vorhaben geben konnte. Ich wünsche gutes Gelingen!
    Alles Liebe,
    Sabine Feickert

  2. Liebe Frau Feickert,

    lange habe ich nach einer Entschuldigung gesucht um wirklich mal mein riesengrosses Bücherregal aufzuräumen, es erstickt mich fast. Keiner will sie haben.

    Jetzt glaube ich das ich es doch darf, ein schöner Gedanke dabei ist dass ja eigentlich: kein Mensch ausser mir selber weiß was da so in meinem Regal ein trauriges, schon mal gelesenes (oder auch nicht) Dasein fristet.
    Und eben darum…
    Danke … ich wills jetzt tun..

    LG Eine Aufräumerin

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